07 Emotionales Shopping: 4 Tipps f├╝r weniger Konsum

Aug 4
Kannst du dich noch an die ersten Tage von Ebay erinnern? Dieses Gef├╝hl, als man davor sa├č und pl├Âtzlich wie auf Drogen nur noch auf diesen einen Artikel geboten hat, weil man den unbedingt haben wollte? Auf einmal hast du Schuhe ersteigert, die nicht mal deine Gr├Â├če hatten. Einfach nur, weil du voll im Rausch warst. Das sind die ersten krassen Konsumrausch-Symptome, an die ich mich erinnere. Denn nichts anderes ist Shoppen.
Ja, es ist ein Rausch - denn es geht nicht mehr darum, die Schuhe zu besitzen, sondern um die Gl├╝cksgef├╝hle, die wir beim Kaufen sp├╝ren.

Emotionales Shopping

Wir shoppen, wenn wir einen guten Tag haben. Wir shoppen, wenn wir einen schlechten Tag haben. Wir shoppen, wenn uns langweilig ist. 

Wir jagen Gef├╝hle, um uns lebendig zu f├╝hlen. Wir wollen uns gut f├╝hlen. Unternehmen verkaufen uns diese Emotionen. Lange vorbei sind die Tage, wo Werbung auf das Aufzeigen technischer Vorteile abzielte. 

Heute werden uns Produkte als Erlebnis verkauft. Als etwas, das Emotionen in uns hervorruft. 

Und wir tappen jedes Mal volle Kanne in die Falle.

Aber warum genau passiert uns das? Warum dr├╝cken wir so schnell den "Kaufen"-Button?

Warum kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen?

Die Gl├╝cksgef├╝hle beim emotionalen Shopping sind nur das Ergebnis einer chemischen, k├Ârperlichen Reaktion. Das ist wie Koksen, nur legal und im Preis extrem variabel. Du kannst dir zum Beispiel ne Rolle Klebeband f├╝r 50 Cent im Angebot kaufen und dich f├╝r 3 Sekunden voll dr├╝ber freuen, oder ein teures Schn├Ąppchen mache, wie n iPhone f├╝r 500 statt 1.000 Euro. Der Effekt ist der gleiche. 

Wir fahren immer wieder drauf ab, wenn wir ein "Schn├Ąppchen" machen. Und kaum widerstehen k├Ânnen wir, wenn es nur "begrenzt" vorhanden ist. 

Das Problem dabei ist, dass diese Gl├╝cksgef├╝hle nicht nachhaltig sind. Du brauchst also, genau wie bei Drogen, immer wieder den Kick. Schlimmstenfalls entwickelst du eine Kaufsucht. Aber soweit wollen wir es doch nicht kommen lassen, nicht wahr? Deshalb hier mein erster Spezial-Tipp, wenn du das n├Ąchste Mal deine Emotionen durch emotionales Shopping befriedigen willstÔÇŽ

Hardcore Shopping im Sozialkaufhaus, statt im Designer-Shop

Manchmal k├Ânnen wir einfach nicht anders als unserem Shopping-Drang nachzugeben. Mein pers├Ânlicher Spezial-Tipp f├╝r Konsumanf├Ąlle lautet: Geh hardcore shoppen, aber geh daf├╝r auf den Flohmarkt oder in ein Sozialkaufhaus f├╝r Gebrauchttwaren! 

F├╝r 20 Euro kriegst du da schon richtig viel Zeug und f├╝r dein Gehirn macht es keinen Unterschied. Das Belohnungszentrum springt dabei genauso an wie beim Kauf einer Designer-Jacke f├╝r 1.000 Euro. 

Noch krasser ist der Rausch bei Sonderangeboten. Dann signalisiert uns unser Belohnungszentrum die Aussicht auf einen Gewinn. Dabei sch├╝ttet es jede Menge Dopamin aus. Das ist ein Botenstoff im Gehirn, der gl├╝cklich macht. Shoppen ist also nat├╝rliches Dope. Und das f├╝hrt dazu, dass f├╝r mehr als die H├Ąlfte der Deutschen Shoppen ein Hobby ist. Ey was!? Das find ich wirklich irre. Konsum als Hobby, und dann wundern wir uns, warum wir nicht aus diesem Hamsterrad ausbrechen?! Das muss ich erstmal sacken lassen.

Warum am Monatsende kein Geld ├╝brig bleibt

Also das ist schon absurd, aber Realit├Ąt. Fragst du dich auch st├Ąndig, warum am Monatsende nie Geld ├╝brig bleibt? Liegt es daran, dass wir Opfer dieses Shopping-Gl├╝cksgef├╝hls werden? Sind wir unseren Emotionen hilflos ausgeliefert? Jein.

Wir wollen individuell sein, aber auch dazugeh├Âren. Und das wollen wir nach au├čen tragen. Wir kaufen also durchaus geplant und gezielt Sachen, um unsere Individualit├Ąt auszudr├╝cken, zum Beispiel Tattoos, iPhones ("Be different") und sonstiges, "individualistisches" Zeug, mit dem wir uns zum├╝llen und wider besseren Wissens jeden Tag ein bisschen mehr dazu beitragen, diesen Planeten ins Verderben zu st├╝rzen. Und der Konsum wird eben so weit ausgereizt, wie es unser Kontostand hergibt. Am Monatsende kommt ja wieder Geld rein, nicht wahr?

Dabei ├╝bersehen wir jedoch, dass all das Zeug eigentlich schei├čegal ist. 


Dazu m├Âchte ich folgendes Zitat von Erich Fromm aus seinem Buch Haben oder Sein in den Raum schmei├čen, das da lautet: ÔÇ×Wenn ich bin, der ich bin, und nicht, was ich habe, kann mich niemand berauben oder meine Sicherheit und mein Identit├Ątsgef├╝hl bedrohen. Mein Zentrum ist in mir selbst.ÔÇť Allein der Titel des Buches "Haben oder sein" sagt schon so viel. Wir sollten uns wieder mehr darauf besinnen "zu sein", als "zu haben". 

Was kann man tun, um weniger zu konsumieren?

Ich glaube, wenn wir in uns selbst ruhen und Konsumg├╝tern wenigstens zum gro├čen Teil ne Absage erteilen, weil wir wissen, dass sie uns kein St├╝ck gl├╝cklicher machen - dann sind wir - zumindest als Individuen - auf einem guten Weg. 

Und auch wenn du das rational wei├čt und dir da schon deine Gedanken dr├╝ber gemacht hast, passiert es trotzdem immer wieder: Diese unn├Âtigen K├Ąufe von Sachen, die du nach 1 Woche schon wieder vergessen hast. Sachen, die dir in dem Moment des Kaufs Dopamin ins Hirn geballert haben - Und f├╝r Freude gesorgt haben!!!! Die hielt allerdings nur maximal 3 Minuten an....War es das Wert?

Das Problem ist ja, dass da eine Armada von Marketing Experten hinter ihren MacBooks hockt und sich dauernd ├╝berlegt, wie sie unser Gehirn kapern und uns dazu bringen kann, ihr Zeug zu kaufen. Da werden psychologische Tricks angewandt, denen wir, vor allem in schwachen Momenten, nur schwer widerstehen k├Ânnen. Selbst wenn wir genau wissen, wie die Tricks funktionieren. Es ist manchmal einfach ultra schwierig, rational zu handeln, wenn wir so krass manipuliert werden. Shoppen ist keine rationale Angelegenheit, sondern es l├Âst eine k├Ârperliche Reaktion aus. Das wei├čt du ja jetzt. Und du kaufst trotzdem. Du f├╝hlst dich f├╝r ein paar Minuten gut. Dann bist du genauso unzufrieden wie vorher. Also DonÔÇÖt blame yourself, wenn du dir das dritte Paar Sneaker kaufst, obwohl ja ein Paar eigentlich v├Âllig ausreichen w├╝rde. 

Naja, jut, so isset halt, so sollen wir ja handeln: kaufen, kaufen, kaufen. Aber vielleicht shoppst du ja ab jetzt n bisschen weniger.

Und damit das klappt, gucken wir uns jetzt genau daf├╝r Mal ein paar Strategien an. Und zwar in Form von 4 Fragen, die du dir am besten jetzt auf einen Zettel mitschreibst, in dein Portemonnaie steckst und dir als Home-Bildschirm auf dein Handy einstellst.

1: Kaufst du, um zu kompensieren oder weil du es wirklich ben├Âtigst?

Na, ist der Sinn des Lebens grad mal wieder unauffindbar und du m├Âchtest diese L├╝cke, diese innere Leere f├╝llen? Oft ist es diese Unzufriedenheit, die dich auf Shopping-Plattformen treibt. Suchst du zum Beispiel gezielt nach dem SALE, um dir dein Gl├╝cksgef├╝hl zu holen, von dem du wei├čt, dass es nur kurzfristig ist? Wenn du diese Frage mit Ja beantworten kannst, wei├čte Bescheid: Du bist gerade definitiv dabei, dein Geld aus dem Fenster zu schmei├čen. Um den Schmerz dieser Geldverschwendung noch besser zu verdeutlichen, stelle dir eine zweite Frage, n├Ąmlich:

2: Wie viele Stunden hast du daf├╝r gearbeitet?

Wie viele Stunden hast du gearbeitet, um die 70 Euro netto zu verdienen, die du nun f├╝r diese Schuhe ausgeben willst? Sind dir die Schuhe die Zeit wert, die du daf├╝r an Arbeits- beziehungsweise Lebenszeit aufgewendet hast?

All die Stunden im B├╝ro, auf Dienstreise, in Meetings oder im Laden: Daf├╝r, dass du diese Zeit dort investiert hast, hast du Geld bekommen. Der Deal: Zeit gegen Geld. 

Und jetzt bist du kurz davor dieses Geld, welches also eigentlich deine wertvolle Zeit ist, in ein Paar Schuhe zu stecken, das du nicht brauchst. Du tauschst deine (Lebens-)Zeit gegen ein Paar Schuhe. Das h├Ârt sich vielleicht trivial an, aber denk ├╝ber diesen Mechanismus mal nach: Das ist das Hamsterrad, in dem die meisten sich befinden. Statt Geld dazu zu nutzen, uns selber Zeit zu kaufen oder es zu investieren, um zu einem sp├Ąteren Zeitpunkt Zeit zu kaufen - zum Beispiel in Form von einer Haushaltshilfe - kaufen wir Sneaker. Statt uns unsere aufgewendete Arbeitszeit wiederzuholen, indem wir in Erlebnisse investieren, kaufen wir Schuhe.

Hach, es ist zum Heulen.  Die erste Frage lautet also: Kaufst du, um deine Unzufriedenheit zu kompensieren?, ja oder nein, und die zweite Frage lautet: Wie viele Stunden hast du daf├╝r gearbeitet, also wie viel Lebenszeit sind dir die Schuhe wert? Soweit, so klar? Dann gehtÔÇÖs weiter mit der n├Ąchsten Frage im Kampf gegen den Konsumwahn, und zwar:

3: Wie hoch ist dein Kleiderkreisel-Potential?

Kennst du das? Du kaufst da so nen Blazer in so ner grellen Farbe, Knallpink zum Beispiel. Der ist im Supersonderangebot und sieht ganz sch├Ân geil aus. Der steht dir richtig gut.

Aber die Sache ist die: Du tr├Ągst eigentlich nie Blazer. Du hast dir auch in der Vergangenheit schon Blazer gekauft. Die hattest du maximal einmal an. Danach hingen sie ungenutzt im Schrank und irgendwann hast du dich erbarmt und sie verkauft. Dazu musstest du allerdings erstmal Tragefotos machen, dann deinen Account bei Kleiderkreisel oder eBay Kleinanzeigen, wiederbeleben, eine Beschreibung hinzuf├╝gen, Nachrichten mit Interessentinnen austauschen, die Extraw├╝nsche hatten, und schlie├člich das Ding auch noch verpacken und verschicken. ├ätzend! 

Lass uns das mal runterrechnen! 

Du hast dir also einen Blazer gekauft, der, sagen wir, 30 Euro gekostet hat. Umgerechnet in Zeit hat dich der Blazer allerdings 2 Stunden Lebenszeit gekostet, als du ihn gekauft hast. Aber dann m├Âchtest du ihn wieder verkaufen. Der Verkauf beinhaltet die ganze Arbeit die ich eben beschrieben habe. Daf├╝r musst du wieder Zeit aufwenden - sagen wir, 1 Stunde mit allem drum und dran. Die Zeit, die du jedes Mal verschwendet hast, wenn du den Blazer kurz aus dem Schrank geholt hast, um ihn dann doch wieder zur├╝ckh├Ąngen, lassen wir mal weg. Der Blazer hat dich also schon mindestens 3 Stunden Lebenszeit gekostet und er hat dir NICHTS gebracht. Also wirklich gar nichts! 

Und das Geilste ist: Daf├╝r hast du auch noch 30 Euro bezahlt, von denen du jetzt nur noch 10 zur├╝ckkriegst. Monet├Ąr gesehen hast du also fett Verlust gemacht, zuz├╝glich der ganzen Zeit und dem Mental Load f├╝r den Verkauf. 

Ok, jetzt haste dir ja immerhin 10 Euro zur├╝ckgeholt. Die k├Ânntest du ja jetzt sinnvoll einsetzen, nicht wahr? Aber wieso nicht einfach direkt wieder verprassen? Sind ja nur 10 Euro und daf├╝r kriegst du diese coole Bluse, die da jemand auf der Plattform anbietet! Die hat neu 50 Euro gekostet, und jetzt k├Ânntest du sie f├╝r nur 10 Euro haben! 

Kennst du diesen Kreislauf? 

Entkomme dem Teufelskreis und frage dich: Wie hoch auf einer Skala von 1-10 ist das Kleiderkreisel Potential der Klamotte, die du da gerade kaufen willst? Also wie wahrscheinlich ist es, dass dir wieder genau diese Situation passiert, dass du sie nicht tr├Ągst und sie wieder verkaufen wirst? Sei dabei bitte komplett ehrlich zu dir! Wenn das Potential gr├Â├čer als 1 ist, kauf es nicht! Entweder ist es genau dein Stil, passt wie angegossen und zum restlichen Kleiderschrank, oder eben nicht. Also ganz klares Machen oder Lassen. Nichts dazwischen. 

So, das war die dritte Frage! Kommen wir zur vierten Frage, die du dir stellen kannst: 

Willst du das Unternehmen unterst├╝tzen? 

Ich vermute jetzt einfach mal, dass Klimawandel, unfaire Arbeitsbedingungen und ├╝berm├Ąchtige Gro├čkonzerne nichts sind, was du vorantreiben willst. 100% korrekt zu konsumieren geht nat├╝rlich nicht. Aber, wir k├Ânnen wenigstens diese unn├Âtigen Sachen weglassen, findest du nicht auch? Ich meine diese ganzen Kleinigkeiten, von denen wir wissen, dass sie eigentlich nicht geil sind, weil sie mit Sicherheit nicht fair produziert wurden und die wir, wenn wir ganz ehrlich sind, auch eigentlich gar nicht brauchen. Diese Ich-will-das jetzt-einfach-haben-K├Ąufe sollten wir komplett aus unserem Konsumverhalten streichen. Denke immer daran: Gl├╝ck ist nicht k├Ąuflich! So viel zur vierten Frage. 

Uuuuuuffff, es gibt noch viel mehr Tipps, aber das soll es jetzt erstmal gewesen sein! Fassen wir zusammen: 

Um aus der Konsumfalle auszubrechen und aus dem Dopamin-Moment wieder auszubrechen stelle dir diese vier Fragen: 

  • Kaufe ich, um zu kompensieren oder brauche ich es wirklich?


  • Wie viele Stunden hast du daf├╝r gearbeitet?


  • Wie hoch ist das Kleiderkreisel-Potential? Also wie viel Zeit wirst du voraussichtlich wieder investieren m├╝ssen und wie viel Verlust wirst du damit machen?


  • Willst du das Unternehmen unterst├╝tzen? Wenn nein, kannst du den Kauf weglassen, oder vielleicht bei einem Unternehmen kaufen, dass deinen Werten entsprechend handelt.


Wooooow, 4 Fragen, die du f├╝r dich mal ordentlich verarbeiten und weiterdenken kannst. Je mehr du dar├╝ber reflektierst, desto besser bist du gegen emotionales Shopping gewappnet, sprich: gegen Geldverschwendung die dir NICHTS bringt. 
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